Wikipedia diskriminiert Kleinunternehmen

Weisheit der Vielen (Kölner Stadtanzeiger, 14.7.2008), Wissen von unten (Süddeutsche Zeitung online vom 4.2.2005), Demokratisierung des Wissens (Neue Zürcher Zeitung, 19.11.2008): Gemeint ist jeweils die Wikipedia. Wikipedia ist ein Non-Profit-Projekt, gestaltet von Nutzern, und die Nutzerinnen und Nutzer sorgen auch für die Qualitätssicherung - im Idealfall, indem Leserinnen und Leser Fehler entdecken, diese korrigieren, andere Leser weitere Korrekturen vornehmen und sich auf diese Weise der lexikalische Artikel einem fiktiven Idealzustand annähert. "So wie bei Open Source zahlreiche Entwickler gemeinsam auf den Quellcode von Programmen schauen und Fehler ausbügeln, erstellen und verbessern die Wikipedia-Autoren und -Nutzer die Beiträge kooperativ in einer Online-Datenbank.", heißt es im Artikel der Süddeutschen Zeitung. Hilft aber alles nichts, wenn die Wikipedia in die Hände ignorater Aktiver gerät.

Werbung hat in der Wikipedia nichts verloren. Klar. Nur: Zahlreiche Untenehmen werden in der Online-Enzyklopädie präsentiert. Es gibt eine eigene Kategorie für Unternehmen.

Als Mitarbeiter der Systec GmbH habe ich aufmerksam registriert, dass Mitbewerber des Unternehmens der Maschinenbau- und Automationsbranche "ihre" Seiten in Wikipedia haben: beispielsweise Festo, B&R Automation, Koepfer & Söhne, Bosch-Rexroth oder auch Igus. Nun sind diese Unternehmen wesentlich größer als Systec. Soweit es Übereinstimmungen gibt, sind die Systec-Produkte mindestens genauso gut wie die der Großunternehmen. Und Wikipedia ist ja demokratisch. Also: Systec setzt einen Unternehmensartikel hinein.

Gründlich war meine Vorbereitung. Selbstverständlich gehörten einschlägige Artikel der Wikipedia-Hilfe dazu, unter anderem die Formatvorlage Unternehmensseiten und die Doku zur Infobox Unternehmen. Ich habe den Text erstellt und dann einen Account unter dem Unternehmensnamen angelegt, um gar nicht erst vorzuspielen, dass ich unabhängig sei. Ich steh auf Transparenz und mag es nicht, dass in der Wikipedia massenhaft Menschen so tun, als seien sie nur vom demokratischen Geist beseelt, würden von niemandem bezahlt und verfolgten keine Eigeninteressen.

Und dann: Hurra! Artikel fertig, ab damit ins Netz. Zugeordnet hatte ich ihn der existierenden Kategorie: Unternehmen (Münster). Die wird wohl für solche Artikel vorgesehen sein. Und dann: Erreicht mich die Nachricht eines Mitglieds des Qualitätssicherungsteams des Online-Lexikons. Er habe den Text schnell löschen lassen, lade mich aber auf seine Seite zur Diskussion ein. Alles schön mit Textbausteinen.

Ich auf seine Seite, Gründe erfragt. Kein Problem: Der Kontrolletti hatte Antworten auf dem Kasten, unter anderem jenes Kleinod: "Die Systec GmbH ist als Unternehmen viel zu klein um einen Artikel hier verdient zu haben." Zu wenig innovativ sei das Unternehmen übrigens auch. Der Lösch-Aktivist gibt übrigens als Interessen an: Theologie, Philosophie, Südtirol, Phantastik, Geschichte. Der Mann hat also richtig Plan!

Dem entnehme ich: Es gibt Faktoren, nach denen Unternehmen sich einen Wikipedia-Eintrag verdienen können. "Verdienen" bedeutet, dass es auch jemanden gibt, der das Verdienst beurteilt. Außerdem ist die reine Größe eines Unternehmens offenbar ein relevantes Kriterium zur Bewertung des Verdienstes.

Meine Entgegnung, dass das Argument der Größe dazu führe, dass Wikipedia sich zum Schutzschild für Großunternehmen mache und dass es z.B. einen kleinen Verlag aus Münster gebe, der einen Artikel habe, obwohl auch Bücher nicht wirklich innovativ seien (erste Buchdrucke aus China sind bereits 1324 nachweisbar, siehe Artikel Buchdruck in der Wikipedia), fruchtete leider nicht.

Denn nun lernen wir: "Verlage werden auch anders behandelt als Industriebetriebe." Wir alle wissen: Verlage sind gemeinnützige Einrichtungen. Das Geld für die Bücher überweisen sie an die Kinder in der dritten Welt. Ach ja: Die Finger bleiben auch sauber, wenn man für Verlage arbeitet. Anders als für Industrieunternehmen.

Warum schreibe ich das? Es ist ok, wenn das Netz an allen Ecken und Enden von Aktivisten bevölkert wird, die ihr Nichtwissen mit beneidenswerter Unbekümmertheit zur Schau stellen. Wenn diese sich aber zu Grenzkontrolleuren einer "demokratischen" Einrichtung wie der Wikipedia aufschwingen, wird's gefährlich. Denn hier haben nicht viele diskutiert und möglicherweise dafür gesorgt, dass ein Artikel sich ändert. Hier hat einer zensiert, der es offenbar nicht begreift. Von oben werden hier Inhalten bestimmt. Nicht von unten. Oben heißt in diesem Fall: Finanzkräftige Unternehmen, unterstützt von Menschen, die sorglos nicht nachdenken.

Man fragt sich, wie es Unternehmensbroschürentexte in die Wikipedia schaffen, die per Copy und Paste aus Werbeunterlagen entnommen wurden. Lest mal den Beitrag zu Koepfer & Söhne. Vielleicht sollte ich es nochmal versuchen, wenn der Qualitäts-Löscher nicht am Rechner sitzt.

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