Politisch total korrekt: Revolutionen gut finden
Bewunderns- und bestaunenswert ist der Mut der Menschen in Tunesien, Ägypten und Libyen - oder auch im Jemen oder in Bahrain -, gegen ihre Regierungen aufzustehen und für mehr Demokratie in ihren Ländern einzutreten. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich zu wenig über all diese Länder, um die Entwicklungen dort auch nur annähernd richtig einordnen zu können.
Twitter ist dabei eine große Hilfe. Sich Suchen über die Hashtags #Libya, #Egypt oder auch #Tunesia anzulegen, bringt eine Menge ungefilterter Informationen - meist natürlich von Nordamerikanern oder Westeuropäern über die Gebiete auf den heimischen Bildschirm. Hilfreich ist auch, wie Democracy now aus den USA das Thema aufbereitet - übrigens eine Sendung im öffentlichen Rundfunk der USA.
Hier in Deutschland haben während der jeweiligen Protest-Perioden vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien harsche Kritik einstecken müssen. Sie hätten zu wenig berichtet, nicht wie CNN mit Dauer-Betroffenheitsberieselung über die Demonstrationen berichtet und überdies sogar noch Unterhaltungssendungen einfach so nicht abgesetzt.
Die damalige Stimmung fasst hervorragend dieser FAZ-Artikel zusammen, der heftig auf ARD und ZDF einschlägt. Es lohnt sich, auf die Kommentare zu schauen. Dann versteht man, wie die Kritiker der stattgefundenen Berichterstattung argumentieren. Da wird von "Staatsfernsehen" gesprochen, ein Boykott der GEZ-Gebühren erwogen, weil die Öffentlich-Rechtlichen "unser Informationsbedürfnis" nicht befriedigten, etc.
Faszinierend finde ich, dass im Kontext von Demokratisierungsrevolutionen westliche Dogmatiker daherkommen und diktieren wollen, wie die Medien zu sein haben, damit sie nicht weiter darüber nachdenken müssen, dass ihr Gerede weder hier jemandem hilft noch den Menschen in Nordafrika auch nur ein Stückchen Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse einbringt. Deutsche Tweets aus den Tagen der größten Proteste in Nordafrika waren voll von Betroffenheitsadressen. Da gestanden unzählige Menschen, schlecht zu schlafen, weil die Menschen in Nordafrika gerade so eine schwere Zeit durchmachen.
Ich gestehe: Ich war und bin voller Sympathie für die Revolutionen in den genannten Ländern. Ich bin aber nicht betroffen und habe auch gut geschlafen. Dafür ist es zu weit weg. Das mag ein Fehler sein. Umso mehr freue ich mich, dass ARD und ZDF mich mit eingeordneten Informationen versorgen und mich auf dem Laufenden über die Entwicklungen halten.
Und mittlerweile? Der Entrüstungssturm ist verflogen. Tunesien hat eine "erfolgreiche" Revolution hinter sich. In Ägypten sind die Proteste am Ende (?) - oder sind sie nur aus der öffentlichen Aufmerksamkeit herausgefallen? In Libyen herrscht Bürgerkrieg. Von all denen, die laut und noch lauter kundgetan haben, wie toll sie die Proteste unterstützen und dass das gefälligst alle anderen auch genau so zu tun haben, ist nichts mehr zu hören. Die sind weitergewandert zu "GuttenPlag", und der nächste Lebensmittelskandal wird auch nicht weit sein.
Dabei steht Ägypten nach wie vor unter Militärverwaltung. Demokratie ist dort vor allem noch ein Versprechen. Erreicht wurde noch nichts. In Tunesien ist die alte Clique nur leicht modifiziert immer noch an der Macht. Mittlerweile ist die Gewalt dort zurück. Zu all dem von denjenigen, die am lautesten geschrien haben, nichts.
Schade. Demokratische Revolutionen haben wirkliche, nachhaltige Unterstützung verdient. Gut, dass die etablierten Nachrichtenmedien weiterhin Informationen dazu liefern. Journalistische Qualität hat mit "Breaking News" nur wenig zu tun.




