Ulrich Klose

Mensch mit Hund • Texte • Politik • Münster

Texte über Politik, Musik, Computer, Geocaching und einiges mehr eines poltisch interessierten Hundehalters aus Münster-Roxel

Twitter Updates

Kaufen und Sparen: Eichmann, Gold en detail et en gros

Wer könnte besser für Gold-Ankaufsläden werben, als Adolf Eichmann? Meint zumindest Kaufen und Sparen, eine zwei Mal wöchentlich in Münster erscheinende Anzeigenzeitung.

Großer Werbe-Trend in diesen Blättchen ist derzeit Gold-An- und -Verkauf. Die Preise für das Glitzerzeug müssen derzeit wohl gut sein. In jeder Ausgabe der Kaufen und Sparen oder auch des örtlichen Konkurrenten Hallo Münster finden sich viele Anzeigen entsprechender Unternehmen. Und wenn in einem Bereich mehrere Inserenten auftauchen, verfallen die Anzeigenverkäufer schnell auf die Idee: Dann machen wir doch ein Kollektiv, möglichst regelmäßig erscheinend, so dass wir feine Mal-Staffeln anbieten können.

So, nun haben wir die Ingredienzien für die Geschichte zusammen. Und es müssen zwei Dinge erklärt werden:

  • Adolf Eichmann? Richtig, das war der Nazi, der während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft den Transport der jüdischen und anderen Verfolgten in die Vernichtungslager organisierte (mehr dazu im entsprechenden Wikipedia-Artikel). 1960 wurde er durch den israelischen Geheimdienst aus seiner Zuflucht in Argentinien entführt und zwei Jahre später hingerichtet. Eichmann war also Teil des Vernichtungssystems um die Konzentrationslager herum, die ihre Opfer nicht nur töteten, sondern auch ausraubten. Denn all ihre Besitztümer wurden durch das nationalsozialistische System gestohlen und zu Geld gemacht. In der der Gedenkstätte Auschwitz kann man noch heute haufenweise Zahngold sehen, das den Ermordeten aus dem Mund gebrochen wurde. Und die Ermordeten waren in die Todeslager mit Zügen gebracht worden, die Adolf Eichmann organisierte und verwaltete.
  • Anzeigenkollektiv? Das sind diese Seiten in Anzeigenblättern und anderen Zeitungen, die sich durch die Gestaltung meist etwas von der Rest-Zeitung abheben. Kurz und schön definiert Marketicon den Terminus. Meist bestehen sie aus einem Rahmen verschiedener Anzeigen und einem mittendrin platzierten "redaktionellen" Text. Gern werden Anzeigenkollektive zu speziellen Themen positioniert: Im "Garten im Frühling" sollen die Gärtnereien werben, Allerheiligen gibt es einen Friedhofstext und Anzeigen der Bestatter, in "Bauen und Wohnen" inserieren Handwerker aller Art und Kredithaie. Und dann gibt es auch noch Kollektive zum Gold-Ankauf und -Verkauf. Ich habe elf Jahre für die Redaktion von Anzeigenblättern gearbeitet und so manches Kollektiv betreut. Gold war damals allerdings noch kein Thema.
    Für die "redaktionellen" Texte in den Kollektiven haben manche Verlage extra Redaktionen. Anderswo machen das Praktikanten oder Volontäre. Es gibt auch spezialisierte Pressedienste, die Material zuliefern. Gern wird auch in einen solchen Text massenhaft Schleichwerbung für die beteiligten Anzeigenkunden gepackt. In den Redaktionen, für die ich arbeitete, war die Betreuung der Kollektive ähnlich beliebt wie Fußpilz und wurde nebenher und auf den letzten Drücker erledigt.

Ausriss aus Kaufen und Sparen 15/2011

Nun schaltete "Kaufen und Sparen" in Ausgabe 15 vom 17. April 2011 auf S. 6 das einseitige Kollektiv "Kostbarkeiten". Derzeit kann die Ausgabe online noch hier eingesehen werden. Ein PDF der Seite stelle ich auf Anfrage gern zur Verfügung. Ansonsten möge der gezeigte Ausschnitt als Beleg dienen. Die Nachfrage der Inserenten war überschaubar. Nur drei Anzeigen wurden eingeworben. Viel Platz also für "redaktionellen" Inhalt. Nur: Was schreibt man für das 783. Gold-Kollektiv?

Diese üble Aufgabe muss bei KuS einem a) Vollbetrunkenen, b) völlig Weltfremden, c) Ultra-Naiven, d) erschreckend Ungebildeten oder e) jemandem mit einem "schrägen" Humor übergeben worden sein. Dieser Mensch hatte offenbar keinen Schimmer, womit er den weißen (bzw. hier gelben) Platz zwischen den Anzeigen füllen sollte. Dann hatte er möglicherweise den - prinzipiell löblichen - Gedanken, den Leserinnen und Lesern mal einen tatsächlich lesenswerten Kollektiv-Text zu bieten. Und dann fand er den Agenturtext über die Ausstellung des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors" in Berlin zum 50. Jahrestag des Beginns des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem.

Und so findet sich - noch einmal sei es erwähnt - unter der mit Armreifen, Ringen und Klunkern verzierten Seitenüberschrift "Kostbarkeiten" der Text Ich war lediglich ein Werkzeug, in dem an den Eichmann-Prozess erinnert, Eichmanns Gefühlskälte dargestellt wird und erschütternde Erinnerungen von Opfern wiedergegeben werden. Wie gesagt: Eichmann war quasi der Logistiker für die Anlieferung der später von den Nazis zu vermarktenden Golzähne, des Schmuckes und des wenigen, was die Ermordeten noch auf ihren letzten Weg retten konnten.

Das Ganze schön drapiert mit Anzeigen, die unter anderem lauten: "Goldankauf. Zahngold & Altgold (auch mit Zähnen)". Ich stelle mir da wirklich die Frage und habe diese Frage auch an die Redaktion per Mail geschickt: Liebe Kaufen-und-Sparen-Redaktion, seid Ihr eigentlich noch ganz dicht? Wie unsensibel, blind oder was auch immer muss man sein, um solche Inhalte in eine derartige Umgebung zu stellen?