Kernenergetisch Erleuchtete können mir gestohlen bleiben

Mensch, da rutschte mir doch heute dieser Tweet heraus, indem ich auf einen hochinteressanten Artikel beim Deutschlandfunk zu den Chancen von Thorium-Reaktoren verwies, über dessen Inhalt man wirklich mal nachdenken könnte. Die dortige, differenzierte Auseinandersetzung kontrastierte ich mit den - nun ja - ein wenig einseitigen Argumentationen einer - nun ja - ein wenig speziellen Gruppe: der "Nuklearia". Dort war offenbar die Feindbeobachtung bereits scharf geschaltet. Denn die Antwort kam prompt:

Screenshot eines Twitter-Posts von junirio zur Nuklearia

Gut, Sie gingen nun so gar nicht auf meinen inhaltlichen Verweis ein. Kann man verstehen, schließlich hatte ich ja auch noch etwas zu meiner Einschätzung ihres Vereins geschrieben.

Die Nuklearia nennt sich selbst "Pro-Kernergie-Verein" und " will Befürworter der Kernenergie sammeln und ihr Sprachrohr sein." Das steht bei ihnen in diesem Blog-Beitrag. Gut, kann man machen. Gegründet ist der Verein mittlerweile. Im Vorstand sitzen Menschen, die Folgendes verkünden (Ihr müsst jetzt stark sein; die kompletten Zitate findet Ihr hier):

  1. "[M]eine Berufung zur Kernenergie war das Unglück in Fukushima."
  2. "Kernenergie stellte sich als sicherer als alle anderen Energieformen heraus, das Atommüllproblem als lösbar, die Thesen der Atomkraftgegner als haltlos."
  3. "Ich setzte mich mit den negativen Aspekten der Kernenergie auseinander und kam zu dem Schluss, dass diese Abwehrhaltung [derer, die gegen Atommülltransporte z.B. 'schottern'; junirio] nicht gerechtfertigt ist ..."
  4. "Ich möchte nicht, dass kommende Jahrhunderte von Energieknappheit, Armut, Ressourcenkonflikten oder sogar Deindustrialisierung geprägt sind. Vielmehr sollten wir die Weiterentwicklung der Zivilisation in Angriff nehmen..."
  5. "Dieser  Kritik [an der Kernenergie; junirio] kann man nur begegnen, wenn man weiß, dass Kernenergie nicht das Problem, sondern die Lösung des Problems einer weltweiten Energieerzeugung darstellt."
  6. ""[Ich will dazu beitragen,] einen Ansprechpartner zu schaffen, der neutral und mit fundiertem Fachwissen den Menschen die Angst nimmt und Interesse weckt an einer faszinierenden Technologie – nicht mit reisserischen, inhaltsleeren Parolen, sondern mit korrekten Antworten..."

Nur mal kurz fürs Protokoll: Zitat 1 mit der "Berufung" verweist auf die religiöse Komponente. Geliefert wird eine veritable Passionsgeschichte. Die Zitate 4 und 5 sind ganz klare Heils-Versprechen. Das sechste Zitat könnte man als Lüge bezeichnen, weil der Verein doch selbst überhaupt nicht die neutrale Information als seinen Zweck sieht (s.o.). Insgesamt verdeutlichen die oben genannten Preziosen, dass mein Tweet so daneben nicht lag und die Nuklearia-Vorstände wahrscheinlich ziemlich gutes Zeug geraucht haben.

Und dann stieß ich noch auf die "Checkliste zur qualifizierten Beurteilung des Gefährdungspotenzials von Sekten und Psychogruppen" des Zentrums Bayern Familie und Soziales des Bayerischen Landesjugendamtes. OK, eine Checkliste, die aus Bayern kommt und alles, was nicht katholisch ist, sicher suspekt findet. Aber wir haben ja gerade Allerheiligen, da schauen wir doch gern mal  in dieses Dokument. Es werden mir mehrere Aussagen angeboten, die ich ablehnend oder zustimmend bewerten kann. Vorsicht sei bei einer Gruppierung geboten, wenn ich eine oder mehrere Aussagen zustimmend bewertet hätte, heißt es.

Zur Auswahl stehen Aussagen wie:

  1. "Die Gruppe fühlt sich als Elite, als Vorreiter einer neuen Epoche. Nur Gruppenmitglieder werden einer nahenden Bedrohung entkommen."
  2. "Die Mitglieder der Gruppe halten stark zusammen und heben sich möglicherweise durch eine besondere Sprache, besondere Begriffe, die nur innerhalb der Gruppe so verwendet werden von anderen ab. Vielleicht erhalten die Mitglieder auch einen neuen Namen."
  3. "Ich kann ein völlig neuer, besserer Mensch werden. Ich kann mit Hilfe der Gruppe alle meine Probleme und möglicherweise die der ganzen Welt lösen. Mein Leben wird sich vollständig ändern."
  4. "Wenn jemand sich negativ über die Gruppe äußert, werden dessen Argumente als Zeichen der Unwissenheit oder als feindliche Absicht interpretiert. An der Gruppierung gibt es nichts zu kritisieren."

Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber der ein oder anderen Aussage könnte man bezogen auf die Atomfreunde schon zustimmen. Ich habe überhaupt nichts gegen Ideologie. Sie fungiert quasi als politische "Leitplanke", kommt aber ohne rationale Argumentation nicht aus. Mir geht dieses pseudorationale, quasi-religiöse Nuklearia-Gerede aber einfach nur auf den Zwirn.

Ich hätte meine Kritik an der Nuklearia auch inhaltlich energiepolitisch vorbringen können. Ich hätte darauf verweisen können, dass diese Spießgesellen einen allzu unterkomplexen Zusammenhang herstellen zwischen der Notwendigkeit, mehr Kohle zu verstromen, wenn die ach so tolle Kernenergie nicht mehr genutzt wird. Ich hätte anführen können, dass es ebenso unterkomplex ist, die Nutzung regenerativer Energien schlankweg als nicht ausreichend zu beurteilen. Ich hätte darauf hinweisen können, dass es nicht weniger unterkomplex ist, die strukturellen Gegebenheiten der heutigen Energiepolitik einfach wegzublenden und die Frage der zentralisierten Energieerzeugung einfach als gegeben hinzunehmen. Ich hätte anmerken können, dass es gleichermaßen unterkomplex ist, zu verschweigen, dass die neuartigen Reaktoren möglicherweise wirklich beherrschbarer sind, es aber weiterhin Strahlungsrisiken, immense Investitionskosten und einen noch nicht existierenden Brennstoffkreislauf gibt. Nicht zuletzt hätte ich die klitzekleine Anmerkung machen können, dass all die von der Nuklearia genannten, "neuen" Reaktortypen noch nicht praxiserprobt sind.

Auf all das hatte ich gerade keine Lust. Mich regt die Nuklearia einfach auf. Mit billigsten Propagandatricks wollen diese "Erleuchteten" ihr kernernergetisches Süppchen kochen. Vermutlich sind sie wirklich nicht direkt von der Atomindustrie geschmiert. Der Atomindustrie mögen diese Eiferer möglicherweise sogar peinlich sein.

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