Ulrich Klose

Mensch mit Hund • Texte • Politik • Münster

Texte über Politik, Musik, Computer, Geocaching und einiges mehr eines poltisch interessierten Hundehalters aus Münster-Roxel

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Münster kann nur schwer von seinem Generalfeldmarschall lassen

Der Hindenburgplatz - Münsters riesige, nicht unbedingt schöne Fläche, Großparkplatz und Austragungsort der Send-Kirmes - soll umbenannt werden. So hat es eine vom Rat eingesetzte Expertenkommission vorgeschlagen. Wie auch andere, nach Nazis oder ähnlich zweifelhaften Personen benannte Straßen soll der seit 1927 dem damaligen Reichspräsidenten gewidmete Platz seinen Namen verlieren. In der Münsterschen Bürgerlichkeit hat das einen Sturm der Entrüstung mit altbekannten Argumentationsfronten entfacht.

Zunächst sah es nach einer klaren Mehrheit im Rat für eine Umbenennung aus. Dann regte sich Widerstand in der Bürgerschaft. Nun wird durch die Stadt eine repräsentative Bürgerbefragung durchgeführt. Es gibt eine begleitende Ausstellung im Rathaus sowie ein hervorragendes, umfangreiches Internet-Portal mit Hintergrundinformationen. Danach soll der Rat - trotzdem frei in seiner Entscheidung - über den Namen des einstmals "Neuplatz" genannten Arreals entscheiden.

Vorweg gesagt: Ich bin klar für eine Umbenennung des Platzes. Ich finde es schwer erträglich, dass er einem Antidemokraten, Totengräber der deutschen Republik und Steigbügelhalter des Faschismus gewidmet ist. Noch unerträglicher finde ich die Kombination vor Ort. Befindet sich an der Stirnseite des Platzes mit dem Schloss doch die Zentrale der nach Kaiser Wilhelm II. benannten Uni. Auch dies ist sicherlich keine würdige Benennung, die geändert gehört.

Was mich nachhaltig verstört, sind die immer gleichen Mechanismen, die ablaufen, wenn es ans deutsche konservative Gut geht. Auf einmal finden die guten Bürgerinnen und Bürger es wichtig, Pluralismus walten zu lassen (natürlich nur im Sinne der eigenen, bewahrenden Meinung), sich des historischen Erbes bewusst zu werden, Vergangenheit nicht einfach auszulöschen, sondern sichtbar zu lassen. Meine Vorurteile sagen mir: Das betrifft nur einen Ausschnitt der deutschen Geschichte.

Die Namensbewahrer haben ihre Gründe

Fürsprecher für den alten Krieger gibt es einige: Beispielsweise haben sich die Umbenennungsgegner in dieser Facebook-Gruppe gesammelt. Auch monasterium ist für den jetzige Namen. Er betreibt ansonsten das äußerst lesenswerte Münster-Tagebuch. Wenig überraschend findet sich unter den Hindenburg-Bewahrern die Junge Union Münster. Die Argumente sind grob die folgenden:

  • Es ist ein alter Hut, es gab schon mehrere, jeweils mehrheitlich abgelehnte Umbenennungsinitiativen.
  • Es wird zu teuer. Anliegerinnen und Anlieger müssen ihre Korrespondenzanschriften ändern, die Schilder müssen ausgetauscht werden.
  • Die Junge Union weiß noch anzumerken, dass durch die Kritik am Platznamen die Person Hindenburgs auf eine "fragwürdige Entscheidung in senilem Zustand" reduziert werde.
  • Erwähnt wird auch, dass eine Platzbenennung nicht zwangsläufig die Ehrung der betreffenden Person bedeuten müsse. Vielmehr biete eine Benennung die Chance, sich kritisch mit historischen Ereignissen und Personen auseinanderzusetzen.

Letzteres findet sich übrigens auch in einem meines Wissens noch nicht endgültig veröffentlichten Pressemitteilungsentwurf, der derzeit im Piratenpad der Piratenpartei Münster zur Bearbeitung liegt.

Straßen werden selbstverständlich "zu Ehren" einer Person benannt

Bei näherer Betrachtung überzeugen die Argumente nicht. Dass die Benennung des Platzes nichts mit "Ehrung" zu tun habe, ist an den Haaren herbeigezogen. Hindenburg wurde 80 Jahre alt. Das war der Anlass für den damaligen Münsterschen Magistrat, die Benennung vorzunehmen. Vorher hieß er Neuplatz. Die gar nicht so lange Geschichte von Straßen, die nach Personen benannt wurden, ist eine Geschichte der Ehrungen. Insofern ehrt der Hindenburgplatz natürlich good old Paul. Dies lässt sich auf den städtischen Seiten detailliert nachlesen.

Gedankenexperiment: Wir nennen eine der kleinen Passagen am Kommerztempel Stubengasse künftig "Erich-Mielke-Passage". Wir setzen ein Informationsschild hinzu, dass uns über den Ex-Stasi-Chef aufklärt und Bezug darauf nimmt, dass gerade an der Stubengasse die Kameraüberwachungsdichte sehr hoch ist. Und nun stellen wir uns die Reaktion derer vor, die ihren Hindenburgplatz behalten wollen.

Was es mit dem Revisionismus auf sich hat

"Benennt sofort die Bahnhofstraße, die Hiltruper Marktallee, die Hohe Geest und die Siedlung Ascheberger Straße, Davensberger Straße, Rinkerodeweg im Geist-Viertel wieder zurück", möchte man ausrufen bei Lektüre der folgenden Zeilen aus dem piratigen Textentwurf (wichtig: Es ist ein öffentlich zugänglicher Entwurf auf einem Piraten-Server, aber derzeit noch keine Stellungnahme der Piraten! Es ist im Piratenpad mittlerweile durchgestrichen; Update junirio, 30.1.12, 15:30 Uhr). Die genannten Straßen und Orte waren einst (die ersten beiden) dem "GröFaZ" und (die beiden letztgenannten) dem Patron eines heute verbotenen Nazi-Kampfliedes gewidmet (vgl. dazu hierhier und hier). Diese Benennungen sind in der Tat wirksam wegretuschiert worden. 

"Professor Hans-Ulrich Thamer [Er hat das Gutachten für den Ältestenrat des Rates mitverfasst; junirio], der eine Revision der Geschichte fordert, kann noch verstanden werden. Das [sic!] aber Zeugnisse der Geschichte, seien sie gut oder schlecht, aus Münster wegretuschiert werden, kann von den Piraten in Münster nicht gutgeheissen werden. Sie lassen Wandel und Erkenntnis erst sichtbar werden."

Warum der Autor des genannten Textausschnittes den Begriff "Revision der Geschichte" in den Mund nimmt, weiß er oder sie hoffentlich selbst. Nach gängiger Meinung schreibt Geschichtsrevisionismus die herrschende Meinung in der Geschichtswissenschaft ungeachtet der Fakten um. Das Paradebeispiel für Revisionismus aus jüngerer Zeit ist immer noch der Historikerstreit. Der Historiker Ernst Nolte versuchte ab 1980, den Massenmord durch die deutschen Nazis zu einer Reaktion auf den Stalin-Terror umzudeuten.

Der Begriff der Geschichtsrevision in diesem Zusammenhang ist also zumindest unpassend. Denn beim Hindenburgplatz geht es gerade darum, sich dem aktuellen Stand der Forschung anzugleichen. Hindenburg war eben nicht nur der greise Mann, der gar nicht genau wusste, wen er da zum Kanzler ernannte, wie es uns die Junge Union verkaufen möchte.

Für die selbstbewusste Haltung einer modernen, demokratischen Stadt

Hindenburg ist nie Demokrat gewesen. Er hat bereits als Leiter der Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg praktisch den damaligen Kaiser entmachtet. Nicht zu reden von seiner Kriegsschuld als maßgeblicher "Feldherr" im Ersten Weltkrieg. Als Präsident der Weimarer Republik regierte er bald mit Notverordnungen am Parlament vorbei. Er setzte Hitler auf den Kanzler-Stuhl und begrub mit dem Ermächtigungsgesetz die Republik endgültig. Überflüssig zu erwähnen, dass er auch korrupt war (zu all dem vgl. Wikipedia-Artikel zu Hindenburg).

Man erkläre mir nun den Wert dessen, die Schilder für Münsters größten Platz weiterhin mit dem Namen eines korrupten, antidemokratischen Kriegstreibers zu beschriften. Eine moderne, demokratische Stadt sollte selbstbewusst genug sein, mit einer zeitgemäßen Benennung einen anderen Akzent zu setzen. Dass nichts wegretuschiert wird, dafür sorgen die umfangreichen Informationen und Diskussionen, die die Stadt dankenswerterweise in Gang gesetzt hat.

"Wandel und Erkenntnis" würden übrigens dann deutlich, wenn man dem Hindenburgplatz seinen ursprünglichen Namen Neuplatz wiedergäbe, der ihm 1927 ja genommen worden war. Thematisiert werden müsste in diesem Zusammenhang auch der "Zwilling" des Hindenburgplatzes: der Hansaplatz am Hansaring. Dieser wurde zeitgleich mit dem Hindenburgplatz Friedrich Ebert gewidmet, dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Dass die Benennung die Nazizeit nicht überstand, liegt auf der Hand. Er wurde auch nicht wieder rückbenannt. Der Ebert-Platz liegt nun in der Nähe der Friedrich-Ebert-Straße.