Der akademische Zirkel im Bundestag

Der Bundestag repräsentiert ganz und gar nicht die Bevölkerungsstruktur Deutschlands. Das war schon immer so und wird sicher auch nach der nächsten Wahl so bleiben. Beamte und Studierte haben darin die übergroße Mehrheit. Fast 20 Prozent der Abgeordneten im aktuellen Bundestag schmücken sich mit einem akademischen Titel wie dem Doktor. 124 Abgeordnete führten direkt nach der vorigen Wahl einen Doktortitel. Mit 22 Prozent stellen die Juristinnen und Juristen die größte Berufsgruppe des Nationalparlamentes. Zwölf Arbeiter und Handwerker verlieren sich unter den mehr als 600 Abgeordneten des bundesdeutschen Repräsentativorgans. All die gerade genannten beeindruckenden Zahlen hat stern.de zusammengetragen.

Dass sich an den Verhältnissen nichts ändern wird, daran werden zumindest die kleinen Parteien in Nordrhein-Westfalen auch künftig nichts ändern. Das zeigt ein Blick auf die bereits erfolgten Landeslistenaufstellungen der Parteien, die überhaupt nur eine Chance auf den Bundestagseinzug zu haben scheinen. Erstaunlich ist es gleichwohl, dass gerade die kleinen Parteien, die sich doch so gern als wichtiges Korrektiv zu den großen, die Regierungen tragenden Gruppierungen darstellen, ganz und gar nicht anders bei der Kandidatenaufstellung vorgehen. Verbunden mit den sehr ähnlichen Politikinhalten - hier sind eigentlich nur die Linken deutlich von den Anderen unterscheidbar - mag die offensichtliche Abgehobenheit des politischen Personals von der Durchschnittsbevölkerung ein Erklärungsbaustein für die grassierende Parteienmüdigkeit sein.

Drei Rechtsanwälte unter den ersten sechs Platzierungen auf der Landesliste. Diese berufliche Monokultur findet sich auf der Landesliste der Piratenpartei NRW. Die ersten sechs Plätze gelten als einigermaßen sicher für einen Bundestagseinzug, nimmt die Partei bei der Bundestagswahl im September die Fünf-Prozent-Hürde. Mit Repräsentativität - womit die Piraten sowieso ihre Schwierigkeiten haben - hat die Mischung der Kandidatinnen und Kandidaten nichts zu tun - zumal die drei Juristen ergänzt werden durch eine Finanzbeamtin, einen Krankenpfleger und ein Physiker.

Krasser noch ist es bei den Grünen, die allerdings nach aller Wahrscheinlichkeit mehr Abgeordnete aus NRW entsenden werden als die Piraten. Bezogen auf die ersten sechs Listenplätze gibt es dort ausschließlich Akademikerinnen und Akademiker. Bärbel Höhn ist Mathematikerin, Volker Beck hat Kunstgeschichte studiert (gibt sich mittlerweile allerdings als Jurist ehrenhalber), Britta Haßelmann ist Sozialarbeiterin, Frithjof Schmidt Doktor der Sozialwissenschaften, Katja Dörner Politikwissenschaftlerin und Oliver Krischer Biologe.

Nicht anders die FDP: Spitzenkandidat der NRW-Landesliste ist mit Guido Westerwelle ein Jurist. Daniel Bahr auf Platz 2 ist Volkswirt und hat einen MBA als Business Manager im Gesundheitsbereich. Auf den Plätzen folgen Gisela Piltz (Dipl.-Verwaltungswirtin), Otto Fricke (Rechtsanwalt), Frank Schäffler (Betriebswirt) und Michael Kauch (Volkswirt).

Bei den Linken NRW wurde heute die Philosophin Sahra Wagenknecht auf Platz 1 der Liste gewählt, gefolgt vom Sozialwissenschaftler Matthias W. Birkwald, der Soziologin und Volkswirtschafterin Ulla Jelpke, dem Mediziner Andrej Hunko sowie den Jurist(inn)en Sevim Dagdelen und Niema Movassad (Jurist).

Die SPD stellt ihre Landesliste erst im März auf. Auf Platz 1 soll aber Peer Steinbrück landen. Er ist Volkswirt. Auch die NRW-CDU hat ihre Aufstellungsversammlung für März terminiert.

Trotz des hohen Juristenanteils sind die Piraten trotzdem noch die einzige Partei, die immerhin einen Kandidaten mit einer Nicht-Beamten- und -Akademiker-Berufsangabe auf den ersten sechs Listenplätzen hat. Getrübt wird diese Festellung aber dadurch, dass der Landesverband die Zusatzinformation gibt, dass Thomas Weijers ein Gesundheitswissenschaftsstudium absolviert. Die Linken schaffen es immerhin,zwei Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund auf ihrer Liste zu platzieren - beide sind Jurist(inn)en. Wer bei der "Arbeiterpartei" durch Arbeiterinnen und Arbeiter vertreten werden wollte, würde schwer enttäuscht.

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