Zwei unterschiedliche Autobiographien über Ereignisse, die ganz unerwartet einschlagen

Ein sonniges Wochenende liegt hinter mir. Gleichwohl verbrachte ich große Teile der Zeit zu Hause im Sessel unter der Leselampe. Das ist halt so, wenn man sich noch etwas erholen muss. Langweilig wurde mir nicht: Zwei Bücher lagen auf dem Tisch und wollten gelesen werden. Zwei sehr unterschiedliche Bücher, die vielleicht eines gemein haben: Es sind Autobiographien mit dem Schwerpunkt auf einem bestimmten Lebensabschnitt der Verfasserinnen und Verfasser. Gemein ist beiden Werken auch, dass ich ihre Lektüre empfehle. Angela Marquardts "Vater, Mutter, Stasi" sei jedem und jeder ans Herz gelegt. Wolfgang Niedeckens "Zugabe" ist auch toll, wird aber vor allem Fans des kölschen BAP-Chefs erfreuen. Und ich bin ein Fanboy.

Danach weiß jeder, was ein Schlaganfall ist

Buch-Cover Wolfgang Niedecken, Zugabe, Angela Marquardt, Vater, Mutter. Stasi

Zugabe. Die Geschichte einer Rückkehr heißt Wolfgang Niedeckens Buch über seinen Schlaganfall im Jahre 2012 und die Zeit danach bis zum Solo-Album Zosamme alt. Nach seiner kurz zuvor veröffentlichten Autobiographie "Für ne Moment" verfasste der BAP-Chef mit Ko-Autor Oliver Kobold quasi eine "Fortsetzung", weil sich durch den Schlaganfall Niedeckens eine Neubewertung einiger Lebensabschnitte anbot.

Ich war lange skeptisch wegen dieses Buches. Niedecken ist ein gewisser Mitteilungsdrang eigen. Dass er nun auch noch seinen Schlaganfall zwischen Buchdeckel presste, fand ich zunächst übertrieben und zögerte die Anschaffung dieses Werkes lange hinaus. Nun, nach der Lektüre, muss ich gestehen: Meine Sorgen, da versilbere jemand seine Krankheiten publikumswirksam, waren unbegründet. Niedecken und Kobold ist eine wirklich gut lesbare, reflektierte und auch für den BAP-Hardcore-Fan durchaus informative Sammlung von Geschichten rund um die Erkrankung des Meisters gelungen.

Dem Buch merkt man an jeder Stelle an, dass es von einem Lied-Texter verfasst wurde, der gewohnt ist, seine Gedanken in ausdrucksstarke Bilder zu verpacken. Viele der Sprach-Bilder aus seinen Song-Texten tauchen auch in den einzelnen Kapiteln wieder auf. Wirklich intensiv ist die Schilderung des Schlaganfalls, so dass auch ich, der ich dergleichen noch nicht erleiden musste, eine Vorstellung erhalten habe, was dabei in der eigenen Wahrnehmung abgeht.Der "Stroke" ereilt den Musiker beim Lesen:

"Noch immer sah ich die Wörter auf dem Papier vor mir. Sie begannen sich zu bewegen, flimmerten hinter dem schwarz durchwirkten Schleier, er sich über meine Augen gelegt hatte und alles schwer machte, dunkel und schwer wie dunkler Samt, der alles zudeckte mit Erschöpfung und nicht enden wollender Müdigkeit. Ich weiß nicht, wie lang ich so saß. Ich dachte nichts, ich fühlte keinen Schmerz. Nur eine Ahnung erhob sich vom Rand meines Bewusstseins, ganz leicht zu verscheuchen, aber sie kam wieder, erhob Einspruch gegen den Schlaf. Eine Ahnung, dass sich etwas verändert hatte (...)"
(Taschenbuchausgabe, S. 65)

Der Schlaganfall und die Zeit danach bilden den Rahmen des Buches. Eingeflochten werden verschiedene Geschichten aus der BAP- und Niedecken-Geschichte, die mehr oder weniger gut dazu passen. So arrangiert Niedecken beispielsweise im Kapitel "Von drinnen nach draußen" Schilderungen über die Reha und die Rückkehr auf die Bühne mit der Entstehungsgeschichte des Albums "Vun drinne noh drusse" Anfang der 1980er Jahre. Auch die nachfolgende Tournee spielt eine Rolle.

Viel Gewinn habe ich aus der abschließenden Schilderung der Aufnahme-Sessions zum Solo-Album "Zosamme alt" gezogen. Hier nimmt uns Niedecken mit auf seine Reise nach Woodstock zu den Aufnahmen mit Julian Dawson und einigen renommierten US-amerikanischen Studiomusikern. Hatte ich - obwohl ich das musikalische Ergebnis sehr schätze - es prinzipiell für eine kleine "Spinnerei" Niedeckens gehalten, das Album mit den Liebesliedern für seine zweite Frau in den USA aufzunehmen, ergibt die Geschichte nach den Ausführungen des Autors nun durchaus Sinn.

Wenn der Staat Kinder und Jugendliche missbraucht

Wenn ich ehrlich bin: Dass Angela Marquardt, die um die Jahrtausendwende prominente PDS-Politikerin, eine "Stasi-Affäre" am Hals hatte, hatte ich schon längst wieder vergessen. Damals, 2002, hatte ich es sicherlich registriert. Aber das mediale Leben ist schnelllebig. Bald wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Zurück bleiben möglicherweise die nachhaltig verstörten Opfer der Medien-Hysterie, die noch lange nach ihrer unfreiwilligen Prominenz daran knabbern, dass wir einige anregende Minuten vor den Spiegel-Online-Schlagzeilen verbracht haben. So ist es wohl Angela Marquardt gegangen, die mittlerweile im Bundestagsbüro der Arbeitsministerin Andrea Nahles arbeitet und SPD-Mitglied ist. Das wusste ich, weil ich Marquardts Twitter-Account @MV_AM folge.

Weil ihre Stasi-Erfahrungen und die öffentliche Resonanz darauf eben nicht einfach verschwinden, hat die Bundestagsmitarbeiterin nun ihr Buch Vater, Mutter, Stasi. Mein Leben im Netz des Überwachungsstaates vorgelegt. Darin versucht sie, mit ihrer Ko-Autorin Miriam Hollstein ihre Stasi-Geschichte aufzuarbeiten und - vielfach auch für sich selbst - aufzudecken. Denn wir lernen durch die Lektüre: Marquardt war vieles nicht bewusst, was die DDR-Staatssicherheit mit ihr anstellte. Mit 15 wurde sie "angeworben" und sollte zu einem Spitzel in Kirchenkreisen aufgebaut werden. Die Autorin ordnet dies sicher zu Recht als Missbrauch junger Menschen ein.

Die mediale Vorberichterstattung zum Erscheinungstermin (wie hier in der Welt) konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte aus dem Inhalt. Marquardt schildert den Missbrauch durch ihren Stiefvater und die "Stasi-Verseuchung" ihrer Familie. Mutter und Stiefvater waren IMs, später stellt sie fest, der Opa auch. Die Kontakte zu ihren Führungsoffizieren wurden in der heimischen Wohnung hergestellt. Sie nahm die Stasi-Männer als Kumpel ihrer Eltern und auch als persönliche Freunde wahr. Durch diese Fokussierung auf den familiären Aspekt hätte es die Gefahr gegeben, dass nur ein gewisser Voyeurismus des Publikums bedient wird.

Genau das passiert aber nicht. Zwar wird die familiäre Situation geschildert. All dies verharrt aber in einem durchaus distanzierten Ton: "Mein Zimmer, mein geliebtes Bett, aber auch der Rest der Wohnung verwandelten sich in gefährliche Orte. Einen Schutzraum gab es nicht mehr." (S. 32). Das Kapitel über die Gewalt des Stiefvaters umfasst gerade mal drei Seiten und drei Zeilen. Gleichermaßen werden sensationslüsterne Leserinnen und Leser vergeblich große "Geheimnisse" suchen, die Marquardt der Stasi verraten haben könnte. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist: Es gab sie schlicht nicht. Und wer glaubt, in dem Buch werde zu viel Privates erzählt, wird am Ende ratlos zurückbleiben. Denn bei aller Offenheit zur Stasi-Frage: Der Mensch Angela bleibt im Dunkeln. Das ist auch gut so. Deutlich wird die Verunsicherung der jungen Frau durch die verschiedenen Gewaltformen von Familie und Staat. Alles andere findet zu Recht im Buch keinen Platz.

Viele Unterlagen aus ihrer Stasi-Akte wie Einschätzungen ihrer Führungsoffiziere, Treff-Berichte und weiteres sind im Angang abgedruckt. Alles ist eigentlich banaler Kram. Das wiegt umso schwerer, als dafür ein junges Leben für viele Jahre nachhaltig aus dem Gleichgewicht gebracht worden ist - wegen absurder Pläne der Stasi, selbstsüchtiger Karriere-Planungen der beteiligten Offiziere und ideologischer Verblendung.

Der rote Faden, den ich in dem Buch zu erkennen glaube, ist die Suche nach dem Grund des Vergessens. Denn als 2002 die Stasi-Kontakte Marquardts öffentlich wurden, war diese aus allen Wolken gefallen. An das meiste, was sich in ihren Akten fand, konnte sie sich schlicht nicht erinnern. Zwar gab es eine von ihr als 15-Jährige eigenhändig verfasste IM-Verpflichtungserklärung. Der hatte sie aber nie viel Bedeutung beigemessen, konnte sich kaum daran erinnen. Absurdität am Rande: Nicht mal nach DDR-Recht waren Verpflichtungserklärungen Minderjähriger gültig.

Dieses Sich-Nicht-Erinnern-Können zieht sich durch Marquardts gesamte Stasi-Geschichte. Nur vordergründig gleicht dies sattsam bekannten Strategien anderer Ertappter. Denn wir reden von einer Zeit von 1985 bis kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Als die Anwerbung durch die Stasi begann, war sie 15 Jahre alt. Das Ganze lief bis kurz vor dem Abitur. Hier wurde also eine Jugendliche "abgegriffen", die sicher nicht für die bösen Absichten ihres Staates verantwortlich gemacht werden kann. Außerdem gingen die Stasi-Leute seit jeher ein und aus in ihrer elterlichen Wohnung. Insofern laufen Anwürfe, Marquardt müsse sich doch an die Ausfragereien durch die Stasi erinnern, ins Leere. Es waren wohl normale Gespräche, wie sie sie in ihrem Umfeld nicht anders kannte. Ich bin ungefähr im gleichen Alter wie die Autorin. Wenn ich mich an diese Altersstufe erinnern möchte, ist da auch nicht viel. Und schon gar nicht könnte ich viel zu Gesprächen sagen, die damals in meinem Beisein mit Bekannten meiner Eltern geführt wurden. Dass Marquardt dieses ganze Chaos, als sie ihm endlich entronnen war, ganz hinten in ihrem Gedächtnis lagerte, ist auch allzu verständlich

Insgesamt erscheint die ehemalige "PDS-Punkerin" als eine mutige Frau, diese Geschichte in Form eines Buches aufzuarbeiten. Denn sie verschont sich nicht mit unbequemen Einsichten, die sie durch ihre nach und nach ans Licht gekommenen Akten gewonnen hat. Am Schluss führt sie all das zu einem Plädoyer für politische Beteiligung zusammen. Aus ihrer Geschichte heraus könne sie nicht anders als sich politisch zu engagieren, um die Freiheit unserer Gesellschaft zu erhalten.

"Heute möchte ich lieber darüber diskutieren, wie wir in der Zukunft, der nahen und der fernen, leben wollen. Ich will darüber streiten und sprechen, wie eine gerechte Gesellschaft beschaffen sein muss. Dabei werde ich persönlich nie verstehen, dass Menschen sich Wahlen verweigern oder die Demokratie infrage stellen, weil ihnen in diesem Land nicht alles gefällt." (S.212)

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