Niedeckens Solo-Album: Gemischter Blues dort, wo der Meister nicht auftrat

Diesen Text schiebe ich schon einige Wochen vor mir her. Ähnlich lang rotierte zuvor das Für und wieder in meinen Gedanken, ob ich die aktuelle Niedecken-Solo-Veröffentlichung "Zosamme alt" erwerben sollte oder nicht. Als die Nachrichten über den ersten Longplayer Niedeckens nach seinem Schlaganfall an mein Ohr drangen, war ich zunächst gespannt. Wurde mir doch angekündigt, der Mini-Meister aus Köln habe sich nach Woodstock begeben, wo einst der große Meister Bob Dylan eben nicht am legendären Flower-Power-Festival teilnahm, und dort ein Blues-Album eingespielt. Zur Studio-Band gehörte unter anderem Larry Campbell, der schon Bob Dylans Tour-Band bereicherte. Auch David Bowies Saxofonist Steve Elson habe mitgemischt, las ich. Und Niedeckens Buddy Julian Dawson war desgleichen dabei.

Mein Interesse erhielt einen herben Dämpfer, als ich dann die Liste der auf dem Album enthaltenen Stücke sah: Fast ausnahmslos "olle Kamellen". Das Argument, er habe Liebeslieder für seine zweite Frau zusammenfassen und in ein anderes Kleid wanden wollen, leuchtete mir zwar ein. Allerdings hat Niedecken - und hat BAP - in den vergangenen Jahren zunehmend Energie ins Recycling alten Materials investiert. Niedeckens - allerdings wirklich tolle - Big-Band-CD mit Köln-Liedern, die "Dreimal zehn Jahre"-Geburtstagssammlung von Eigen-Cover-Versionen, die Geburtstags-Live-Sammlung "Volles Programm", auf der sich wiederum eine Big-Band-CD mit Deutschland-Liedern befindet, und nun die Blues-Kollektion von Tina-Liedern. Mich beschlich und beschleicht der Verdacht, dass Niedecken, der mich - mit und ohne BAP - seit meiner Jugend musikalisch begleitet, Stein für Stein an seinem eigenen Museum arbeitet. Den Lebenswerk-Echo hat er ja schon.

Hätte einer der Online-MP3-Händler meines Vertrauens das Album nicht eines Tages für fünf Euro angeboten, hätte ich von einer Anschaffung wohl abgesehen. Ich erwartete einfach zu wenig davon.

Heute muss ich sagen: Wie gut, dass ich "Zosamme alt" doch gekauft habe. Zwar ist es keine herausragende Platte. Es enthält aber wirklich hörenswerte Bearbeitungen des Niedecken-Liebeslied-Schatzes. Allen voran steht das vorangestellte, neue Lied "Zosamme alt". Hier gelingt Wolfgang Niedecken genau das, was er wohl mit der ganzen Scheibe wollte: Entspannt besingt der Troubadour "im Herbst" seines Lebens seine große Liebe, die ihm die "Zugabe" ermöglicht hat.  Das alles gepaart mit einer schönen Blues-Melodie ergibt einen wirklich gelungenen Opener.

Und dann geht es weiter mit Liedern, die nicht nur Stationen in Niedeckens Leben markieren, sondern auch in den Leben seiner Fans. Insofern wird jeder und jede sie anders empfinden. Einige echte Überraschungen sind dabei. "Rääts und links vum Bahndamm" gehört für mich definitiv dazu. Original ein gitarrengetriebenes Stück vom "Da Capo"-Album, hat es sich 25 Jahre später in einen relaxten Gitarren-Blues verwandelt. Dieser Sound passt viel besser zu dem Text, der auf einmal nach vorn rückt. Ahnten BAP-Hörer zu "Da Capo"-Zeiten bei Stücken wie diesen, dass es wohl Veränderungen im Leben des Herrn N. aus K. gegeben haben könnte, bildet das Bahndamm-Lied nun den Auftakt zur Beschreibung von Niedeckens zweiter Ehe-Liebe.

Weitere schöne Stücke sind: "Griefbar noh" von der "X für e U"-Platte - der definitive Beweis, dass eine Textzeile wie "Gare de l'est, café des arrivés" ganz toll klingen kann -, "Do jeht ming Frau"  aus dem "Amerika"-Album und sogar "Lena" von "Comics & Pinups". Letzteres kommt im Original schon als schwül-warmer Blues daher, ist aber in der neuen, weniger schweißtreibenden Färbung ebenfalls attraktiv.

Andere Lieder gehören eher zur Kategorie "Sie stören nicht weiter". Sie plätschern dahin und haben keine Ecken und Kanten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Niedecken einfach keine Blues-Stimme hat. Er versucht meist, den Stücken mit einer annähernd gehauchten, scheinbar geheimnisvoll klingenden Stimmfärbung Charakter zu geben. Das gelingt aber mehr schlecht als recht.

Richtig ärgerlich ist eigentlich nur "Paar Daach fröher" - das dann aber richtig. Dieses Lied ist auf "Pik Sibbe" eine - zwar kitschige, aber dafür umso schönere - Hymne mit Mitsumm- und Feuerzeug-Potential. Diese musikalische Gestaltung ist angesichts des schmalztriefenden Textes durchaus angebracht. Nun hat Wolfgang Niedecken alles Kitschige aus der Musikbegleitung entfernt und vor allem im Refrain - Dylan lässt grüßen - die Phrasierung geändert. Tut mir leid, diese wunderbare Ballade klingt nun kaputt.

Der mehrfach erwähnte Meister aus Hibbing/Minnesota kommt zum Schluss noch zu seinem Recht. Der Rausschmeißer "Alles, wat ich zo jähn wöhr" ist ein Cover seines "All I really wanna do".

Für mich ist "Zosamme alt" eine nette Zwischenstation bis zum nächsten regulären BAP-Album. Dass die Band es noch kann, hat sie mit ihrem letzten Studiowerk "Halv su wild" bewiesen. Zuvor steht allerdings die Gezogene-Stecker-Tour der Band an. Möglich, dass ich mir mal wieder ein Konzert ansehen werde.

Blog-Kategorien: