Elf mal echter Major auf "57"

Vermutlich ist es eher unüblich, eine CD zu empfehlen, die auf einem enttäuschenden Konzert gekauft wurde. Genau dies soll hier versucht werden. Denn der Tonträger "57" der Klaus Major Heuser Band ist eine Sammlung wunderschöner Mainstream-Rock-Musik - nicht überbordend originell, dafür aber geerdet, hochprofessionell und mitreißend.

Major Heuser? Genau: Das ist der unschlagbare Gitarrist, der einst einer von mir nach wie vor überaus geschätzten Kölner Mundart-Band ihr musikalisches Gesicht verpasste. Schon seit mehr als 15 Jahren ist er dort ausgestiegen und backt seitdem erfolgsmäßig kleinere Brötchen. Ganz klein wurde es dann am vergangenen Samstag im Hot Jazz Club in Münster. Das Konzert in dem Jazzkeller war ein einziges Ärgernis - was nicht am Major lag, sondern an der für diesen Anlass komplett ungeeigneten Örtlichkeit. Es war sehr voll, was ja nicht schlecht sein muss, dafür war aber die Musik zu leise. Das Publikum - die Fraktion der grauen Mitfünfziger mit über die Schulter geworfenen Strickpullis war in der Mehrheit - schien sich neben der Musik mehrheitlich für Privatgespräche zu interessieren. Die Theke war während der Darbietung geöffnet, das Team verursachte reichlich Krach, bevorzugt, wenn die Musiker gerade eine leise, intensive Stelle ansteuerten. Mir reichte es zur Pause. Ich kaufte die CD und ging nach Hause. Musik erleben in diesem Ambiente machte mir überhaupt keinen Spaß. Ich ahnte, dass die Band Bestes ablieferte. Die Atmosphäre im Club machte dieses Gefühl aber zunichte.

Umso mehr Freude macht die CD mit ihren elf Titeln. "57" ist die zweite Veröffentlichung der Heuser-Band mit Sänger Thomas Heinen, Schlagzeuger Marcus Rieck, Bassist Sascha Delbrouck und Keyboarder Matthias Krauss. Es ist eine gut durchhörbare Sammlung gängiger Rocksongs verschiedener Genres. Keines der Stücke überrascht wirklich. Doch wer will das schon? Major Heuser ist ein toller Gitarrist; seine Fans erwarten gewisse "Key Features" und erhalten sie auf "57" reichlich - natürlich inbegriffen der hymnischen Gitarren-Soli, die so nur der Major kann. Das wurde bei der bereits genannten Kölner Gruppe sehr deutlich, als der mittlerweile ebenfalls zum "Ex-Gitarrist" beförderte, wahrlich nicht schlechte Nachfolger lange Noten während der Soli mit mindestens einem weiteren Anschlag auffüllte, die der Major locker stimmungsvoll in die Länge gezogen hätte. 

Majors neue CD enthält Stücke, die natürlich alle von Klaus Heuser geschrieben wurden. Er hat einen "Riecher" für Melodien und Riffs. Ein Lied ohne eingängigen Refrain würde sicher nicht aus seiner Feder fließen. Zudem neigt der Major zur Romantik, wie er auf dem Münsteraner Konzert in seinen möglicherweise der Unsicherheit wegen des komischen Publikums geschuldeten, ausufernden Ansagen bekannte. Das wird deutlich bei den beiden Balladen "Fullmoon Nights (dieses basierend auf einem ausgefeilten, polyphonen Finger-Picking) und "Up in the clouds", aber auch dem mitsinggeeigneten In-Den-Armen-Liege-Song "Make it better". Nicht zuletzt hat der Leverkusener Gitarren-Meister keinerlei Berührungsängste vor Kommerz-Liedern. Folgerichtig eröffnet "57" mit dem radiogeföhnten Gitarren-Pop "Catch the flame", das Americana-Anklänge hat. Ansonsten scheinen die üblichen Heroen der Rock-Geschichte durch die verschiedenen Lieder hindurch. Mal standen die Stones in der Nähe (zumindest am Anfang von "Make it better"), mal wurden die Kinks mit Van Halen gemischt ("Take me away"). "The Chance" wiederum geriert sich als Rock-Hymne, fängt ruhig an, bevor dann ein Brett aus Grunge zuschlägt. Dass bei "5 am" nicht Mark Knopfler höchstselbst vorträgt, mag man kaum glauben. Ähnlich stilecht ist die Eric-Clapton- bzw. JJ-Cale-Kopie "Don't cross my way". Bei meinem Lieblingssong, dem von einem pumpenden, treibenden Riff getragenen "Talk of the town", hat nach meinem Eindruck Bruce Springsteen Pate gestanden.

Dann wären da noch der Gesang und die Texte. Für beides zeichnet Thomas Heinen verantwortlich. Sein Gesang ist angenehm. Manchmal - besonders bei den langsamen Stücken - ist er mir zu brav, zeigt zu wenige Ecken und Kanten. Ansonsten macht er einen guten Job. Die Texte dienen er der vokalen Auffüllung der Gesangslinie. Es wird die Liebste besungen, die Einsamkeit in der großen weiten Welt, die letzte Frage gestellt, danach, wo wir herkommen und wo wir hingehen etc. Von der abermals zu nennenden Kölner Band zu Major-Zeiten ist bekannt, dass der Major seine Kompositionen mit "Blind-Texten" beim großen Text-Meister einreichte, der dann oft Lyrics darauf dichtete, die den Gitarristen erschreckten. Bei "57" scheint es hingegen so zu sein, dass die Texte so konstruiert wurden, dass die Worte die Musik keinesfalls stören. Schlimm ist das nicht.

Gleichwohl muss ich gestehen: Es gibt einige Titel auf der CD, bei denen mich wirklich interessieren würde, wie sie mit einem Niedecken-Text und als BAP-Lied klingen würden - besonders geht mir das so bei "Talk of the town", "Up in the clouds", "Make it better" und "Take me away". Erfahren werde ich es nicht. Das ist wohl auch gut so. Denn "57" steht und funktioniert für sich allein auch sehr gut.

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