Wenn BAP teilweise wie ihre eigene Cover-Band klingen

"Dann habe ich sie wenigstens noch einmal gesehen." Mit dieser Stimmung verließ ich das BAP-Konzert am 18. Mai in der Halle Münsterland. Nach einigen Jahren Pause - den bislang letzten Gig muss ich im Rahmen der Radio-Pandora-Tour gesehen haben - war ich sehr gespannt. Vorliegenden Tonträgern ist zu entnehmen, dass BAP sich mit dem "Märchen vom gezogenen Stecker" noch mal selbst übertroffen hatten. Erinnert sei nur an die geniale Birlikte-Version von "Kristallnaach".

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Nachdem die Gezogene-Stecker-Tour mehr oder weniger akustisch war, liegt nun mit "Lebenslänglich" der erste reguläre Tonträger mit aktuellem Material der neuen BAP-Besetzung um die musikalische Leitung Ulrich Rode und Anne de Wolff vor. Meine Eindrücke von diesem Album - sehr ansehnliche Kompositionen, aber irgendwie fehlt der "Drive" - habe ich bereits hier notiert. Für die Live-Visite in Münster, die gleichzeitig der reguläre Tour-Auftakt nach zwei Warm-Ups in Hilchenbach und Duisburg war, stellten sich einige Fragen: Wird die neu zusammengestellte Band auch als Rock-Formation funktionieren? Wie wird es sein, ein Rock-Konzert im Sitzen zu erleben, denn die Halle Münsterland sollte komplett bestuhlt werden? Wie werden die angekündigten beliebtesten Lieder arrangiert werden angesichts der kaum zu toppenden Gezogene-Stecker-Versionen?

Die Antworten lauten jeweils: Mal so, mal so. Die Band um Wolfgang Niedecken lieferte ein grundsolide Leistung von wieder mal guten drei Stunden ab. Die Bühne mit der riesigen Video-Projektionswand im Hintergrund beeindruckte und machte Spaß. Die Komplett-Bestuhlung mag dem sehr alten Publikum - geschätzte 80 Prozent der Anwesenden hatten die 50 bereits überschritten - geschuldet gewesen sein, behinderte vor allem aber eine ordentliche Stimmungsentwicklung. Die neuen Stücke aus der Lebenslänglich-Platte wurden ordentlich vorgetragen, interessierten das Publikum aber nur zum Teil. Die alten Stücke kamen traditionell arrangiert daher, "zogen" aber auch nicht wirklich. Wenn die vorgestellten die "beliebtesten" Lieder gewesen sein sollen, muss ich seit 30 Jahren Fan einer anderen Band gewesen sein. Solide, aber nicht glänzend, das könnte das Fazit sein. Die komplette Setliste gibt es dort.

Zu Beginn fiel erst mal auf, dass die Band noch "rumpelte". Das Zusammenspiel hakte in den ersten vier bis fünf Stücken merklich. Breaks wurden unsauber gespielt, Anstrengung war zu spüren. Was aber auch kein Wunder war, denn es war ja das erste reguläre Konzert der Tour. Mit den kommenden Konzerten werden sich die BAP-Musiker/innen sicher besser aufeinander einspielen.

Mir persönlich stellte sich die Frage, wieso das von mir höchst geschätzte "Frau, ich freu mich" als erstes Lied ausgewählt wurde, handelt es doch vom Nachhausefahren nach einem Auftritt. Überrascht hat mich das sehr originalgetreue Arrangement. Das scheinen BAP auch mit den "beliebtesten Liedern" im Sinn gehabt zu haben. Sicher war das schön für die Wir-besuchen-eine-Band-aus-unserer-Jugend-Tourist(inn)en im dank der Bestuhlung vollen Oval der Halle Münsterland. Andererseits macht es die Darbietungen vergleichbar mit früheren Versionen und Auftritten. Und da schnitten viele der alten Sachen in meinen Ohren eher mittelmäßig ab. Das gilt beispielsweise für "Ne schöne Jrooß", "Kristallnaach", "Nix wie besher" und sogar "Verdamp lang her".

BAPs Mega-Hit lebt in der originalen Rock-Version von dem so einfachen wie eingängigen Gitarren-Riff - einst von Klaus "Major" Heuser ersonnen und kongenial interpretiert. Zu Helmut Krummingas Zeiten wurden die Arrangements von "Verdamp lang her" jeweils so verändert, dass andere Dinge in den Vordergrund rückten. Nun die Rolle rückwärts. Leider funktionierte das mit Gitarrist Ulrich Rode nur zum Teil. Bei ihm klang der Riff ein wenig langweilig. Möglicherweise ist ein Grund dafür, dass dem zweifellos glänzenden Musiker etwas das Selbstbewusstsein eines "Major" oder Krummingas abgeht, die durch ihr Auftreten das Publikum glauben machen, Banalitäten wie dieser Riff seien etwas ganz besonderes. Nun klang BAP wie eine BAP-Coverband. Das war schade.

Des weiteren überraschte mich auch, dass "Jupp" mal wieder komplett gespielt wurde: inklusive Akustik-Gitarren-Intro und mit pompösem Solo am Schluss. Beides war zuletzt eigentlich immer weggelassen worden. Schön war "Do kanns zaubre". Hier zeigte Ulrich Rode, wie er das sattsam beliebte Abschluss-Solo durch einige kleine Anreicherungen zu einer eigenen Leistung machen konnte. Gleiches gelang der Band bei "Alexandra", wo der Solo-Teil weitestgehend auf Percussionist Rhani Krija verlegt wurde. Wirklich komplett neu und überraschend arrangiert wurde das im Original poppig-synthielastige "Alles im Lot, das als sehr schöne kleine Gitarren-Ballade daherkam. Misslungen fand ich hingegen "Unger Krahnebäume", das einen balladesken Anfang verpasst bekommen hat, um dann unvermittelt in den gewohnten Uptempo-Rock-'n'-Roll zu wechseln.

Sehr anständig waren die erstaunlich vielen eingestreuten Lieder aus dem aktuellen "Lebenslänglich"-Album. Sieben Stück verteilten sich über den ganzen Abend, davon vier in einer Reihe. Wenig überraschend, dass sie meist nur freundlichen Applaus ernteten. Das Publikum erwartete halt die alten Hits. Der angesichts des 40-jährigen Band-Bestehens gewählte Tour-Titel und die kürzlich erschienene CD dieses Namens schürten solche Erwartungen noch. In dieser Hinsicht ist mein Fazit: Thema verfehlt. "Helfe kann dir keiner", "10. Juni", "Ahl Männer", "Widderlich", "Nemm mich met", "Stell dir vüür", "Time is cash", "Drei Wünsch frei", "Maria" etc.: Diese Liste all der teilweise auf der Best-of-CD enthaltenen, aber nicht im Konzert auftauchenden Lieder entstand aus dem Kopf und ohne viel nachzudenken. All diese Stücke sind mit Sicherheit beliebter als "Diego Paz" (das ich sehr mag) oder auch "All die Aurenblecke".

Alles in allem ein ganz nettes Konzert mit einem glänzend gelaunten Wolfgang Niedecken. Vielleicht wäre es als reguläre Lebenslänglich-Promo-Tour in einer etwas kleineren Location noch ein wenig schöner gewesen. Dann wären die Erwartungen andere gewesen und man hätte sich an der Lebendigkeit der Band erfreut.

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