Ulrich Klose

Mensch mit Hund • Texte • Politik • Münster

Texte über Politik, Musik, Computer, Geocaching und einiges mehr eines poltisch interessierten Hundehalters aus Münster-Roxel

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Da geht es mal wieder schön ab

Musikalisch bin ich derzeit eher auf einem Singer-Songwriter-Trip. Philipp Poisel, Alin Coen, Tina Dico, Anna Depenbusch und viele weitere Musikerinnen und Musiker haben meine MP3s geentert. Da ist es ein großer Kontrast, dass ich sie sofort kaufen musste, die neue BAP-CD, die seit einigen Tagen auf dem Markt ist, oder? Denn BAP, das bedeutet klaren, nicht allzu künstlerischen, dafür aber mitreißenden Rock mit Texten von Wolfgang Niedecken, die selbsbezogen, mal sozialkritisch, mal heimattümelnd sind. Aber irgendwie steckt ja auch in Niedecken ein rockender Liedermacher. Aus der Ecke kommt er ja.

Um es vorweg zu nehmen: Die neue BAP-CD ist gelungen. Ja, hier dreht sich ein richtiger Silberling im dafür vorgesehenen Abspielgerät. Allein das schön gestaltete Booklet lohnt den Kauf. Für mich ist "Halv su wild" ein Album, das beim ersten Hören größtenteils Stirnrunzeln hervorrief. Es wird aber mit jedem Mal besser. Diese Art von BAP-CDS erweisen sich meist als die wirklich guten, ist meine Erfahrung. Beispielsweise hat "Zwesche Salzjebäck un Bier" sehr lang gebraucht, bis es sich zu einem meiner BAP-Favoriten entwickelt hat. Bei "Comics & Pin-Ups" war es ähnlich - ebenso bei "Sonx".

Das Stirnrunzeln hat Gründe. Der Beginn der Platte ist eher schwach. Hinten heraus wird es dann wesentlich besser. Nach langer Zeit gibt es mal wieder ein Titelstück, mit dem der Liederreigen beginnt: "Halv su wild". Textlich is es ähnlich flach wie "Aff un zo", musikalisch: Na ja. Dann kommt "Et Levve ess en Autobahn". Das kennen wir auch schon seit "Bleifooß", "Frau, ich freu mich" und einigen weiteren Liedern, in denen Wolfgang Niedecken seine Reiserei und sein Leben zusammenmontiert. Dazu versucht er eine Lalala-Melodie zu singen, die für seine alte Stimme zu hoch ist.

"Keine Droppe mieh" geht immerhin musikalisch ab. Da mag es Helmut Krumminga nachgesehen werden, dass er den Start-Riff deutlich bei "Hück es sing Band in der Stadt" "Irjenden Rock'N'Roll-Band" abgekupfert hat. Und das war ja noch vom "Major". Textlich hat Niedecken den "Bahnhofskino"-Text wiederverwertet. Viele Sprachbilder, Andeutungen, Gleichnisse, alles, was ihm gerade so einfiel. Da hat er versucht, Dylan-artig zu schreiben. Na ja.

Verwundert war ich bei Lied 4: "Un donoh ist dä Karneval vorbei". Herr N. aus K. hatte zu Zeiten von "Nit für Kooche" noch etwas gegen die beliebteste Kölsche Volksbelustigung. Nun schreibt er über den Aschermittwochsbrauch der Nubbelverbrennung und was dies alles Tiefgründiges bedeutet. Textlich zieht er eine Banalität hoch, wie schon in "Maumau". Das Ganze wird aber mit einem wirklich mitsinggeeigneten Sound unterlegt, so dass es vor allem eins ist: ein schönes Lied. Hier klingen mehr als deutlich Stones-Riffs aus "Miss you" durch.

Vollends überflüssig ist dann: "Chlodwigplatz". Wieder mal erzählt Niedecken von seiner Herkunft. Man kennt es von "Für 'ne Moment", "Amerika", "Nix wie besher" und Dutzenden weiteren Liedern. Er nimmt Bezug aufs "Stollwerk-Leed" und auf "Arsch huh, Zäng ussenander" bzw. die damit verbundenen Aktionen und arbeitet weiter an seiner Selbst-Musealisierung. Allerdings wird das Ganze unterlegt mit einem überhaupt nicht zum Text passenden, aber perfekt durch die wirklich großartige Band gespielten Reggae.

Wirklich hingehört habe ich dann bei "Noh all denne Johre". Es ist die erste Ballade der Platte und handelt von Gedanken eines älteren Herrn vorm Geburtstag. Immerhin ist morgen ja Niedeckens 60. Wiegenfest. Im Refrain freut sich der BAP-Chef, dass er nach all den Jahren immer noch diese Unruhe in der Seele verspürt. Und dazu ist ihm zu gratulieren. So schafft er es auch noch als "alter Sack", gute Platten zu machen. Denn ab diesem - zwar nicht übermäßig originellen, aber sehr hörenswerten Stück, nimmt "Halv su wild" deutlich Fahrt auf.

Mit "Woröm dunn ich mir dat eijentlich an" gibt es ein Bekenntnis dazu, leidender FC-Fan zu sein. Zwischenzeitlich gibt es auch noch eine Referenz an so merkwürdige Frauen-Bekanntschaften, wie wir sie bereits aus "Miss Samantha's exklusiv Discount-Jeschenk-Boutique" kennen. Miss Samantha  oder "Ruut wieß blau" haben musikalisch dann Pate gestanden bei "Verjess Babylon". Das Stück ist der Knaller! Hier ist der Ur-Niedecken zurück. Er erzählt eine abgedrehte Geschichte mit Pointe wie letztmals in "Et neueste Testament". Und natürlich muss er recht haben: Die Kölner sprechen mit Sicherheit dieselbe Sprache wie der liebe Gott!

Überhaupt nichts anfangen konnte ich bei den ersten Malen Hören mit "Karl-Heinz". Aber, hey! Der Rock-'n'-Roll und Hillbilly à la "Häng de Fahn eruss" und "Waschsalon" ist wieder da. Und nun wird es besser gespielt. Denn die Herrschaften an den Instrumenten verstehen ja ihr Handwerk. "All die Aureblicke" ist wieder eine nette Ballade mit recht belanglosem Rückblickstext. Schön halt.

Klasse finde ich "Immerhin". Den Text mag ich auch. Behandelt wird nichts Schweres. Wolfgang Niedecken beschreibt einfach einen Besuch im Zoo in den ersten Frühlingstagen. Noch ist es kalt, die Flamingos sind nicht zu sehen, bei den Affen ist es auch still. Aber immerhin ist es wieder etwas grüner und freundlicher. Eine schöne, entspannte Stimmung überträgt sich bei dem Text, finde ich.

"Enn Dreidüvvelsname" ist ein weiterer Baustein in die immer größere Spiritualität Niedeckens. Hier macht er sich über den Teufel Gedanken und überlädt das Lied mit Bedeutung. Aber es hat einen super-geeigneten Mitsing-Refrain und ein nettes Solo. Also auch gut. Geht es nur mir so, dass ich nach den Anfangsriffs darauf warte, dass Stoppok zu "Der Andere" ansetzt?

Und dann kommt "Niemohls". Musikalisch ist es irgendwie nah an "Suwieso", beginnt allerdings mit Keyboard-Stimmungen wie in "Shanghai". Der Text befasst sich mit einem der Niedecken-Lebensthemen: "Gerade" bleiben, mit offenen Augen und Ohren man selbst sein.

Beschlossen wird das Lied mit einer Hommage an Niedeckens Frau Tina. Sie erhält mal wieder eine hinreißende Liebeserklärung. Schon auf "Sonx" war ja mit "Für Maria" ein tolles Liebeslied für sie dabei. Auf dem Nachfolger-Album gab es ähnliches. Und nun wieder, diesmal mehr mit dem Fokus auf ein älter werdendes Paar.

Bei aller Major-Nostalgie geht leicht vergessen, dass dies nun bereits das vierte BAP-Studioalbum in der gleichen Stamm-Besetzung ist. Das gab es so in der Band auch noch nicht. Alle Mitglieder der Stamm-Formationen waren auch schon bei "Aff un zo" dabei, nur wurde die Gruppe danach kleiner. Die Band hat sich gefunden. Nach dem Gemischtwarenladen "Radio Pandora", der Perlen, aber auch viel Überflüssiges enthielt, ist nun wieder ein durchhörbares Werk erschienen, das in die besseren BAP-Platten einzuordnen ist. Daran ändert auch der nach meiner Meinung schwache Beginn nichts.