Alle Geheimnisse gelüftet, Leser völlig verwirrt
Vorfreude ist die schönste Freude. Ganz besonders gilt dies für die Lektüre von Stieg Larssons Buch Verdammnis. Es ist der zweite Band der dreiteiligen Krimi-Reihe mit den Hauptfiguren Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander. Verblendung war der Titel der furiosen Premiere des Protagonisten-Duos. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich die Fortsetzung ebenso furios finde.
Da sind die beiden Hauptpersonen des Krimis: Mikael Blomkvist ist investigativer Journalist. Im ersten Band befand er sich in einer beruflichen Krise. Eine vermeintliche Falsch-Recherche kostet ihn den Job. Ein reicher Senior-Unternehmer engagierte ihn daraufhin, die Biographie seiner Familie zu schreiben. Bei dieser Tätigkeit deckt Mikael Blomkvist einen Sumpf aus Korruption auf und nebenbei stellt sich sein vorgeblicher Fehler als doch richtig heraus.
Hilfe bekam Blomkvist im ersten Buch von Lisbeth Salander - einer mehr als rätselhaften Person: Begnadete Computer-Hackerin, total persönlichkeitsgestört, unter Vormundschaft stehend, gnadenlos gerechtigkeitsliebend. Diese geheimnisvolle Frau unterstützt den Journalisten, fördert benötigte Informationen zu Tage, beginnt nebenbei noch eine Affäre mit dem beruflich scheinbar Gescheiterten.
Ohne diese "Vorgeschichte" wäre "Verdammnis" nicht verstehbar. Der erste Fall ist zwar gut ausgegangen. Viele Geheimnisse sind aber offen geblieben. Neben dem unkonventionellen Roman-Personal ist das einer der Reize des Erstlingsbuches. Und genau dort beginnt das Problem der Fortsetzung. Der mittlerweile verstorbene Autor scheint sich vorgenommen zu haben, nun alle Geheimnisse um das ungleiche Duo zu lüften. Allein runde 200 Seiten vergeudet er damit, darzulegen, was seit dem vorigen Fall passiert ist. Und erst dann gewinnt der neue Fall Konturen.
Es geht um Mädchenhandel. Junge Frauen werden entführt, fürchterlich gequält und ermordet. Ein junger Journalist ist den Verbrechern auf der Spur, wird von Mikael Blomkvists Magazin engagiert und kurz darauf mit seiner Frau ermordet. Zunächst am Rande stellt Lisbeth Salander fest, dass der sie betreuende Anwalt in das kriminelle Geschehen verwickelt zu sein scheint. Weil der Jurist sadistisch veranlagt ist und versucht, sie zu vernichten, kommt er zu Tode. Lisbeth Salander flieht, weil die Polizei sie für eine Mörderin hält.
Das folgende Geschehen schwankt zwischen den Ermittlungen in dem Mädchenhandel und den Bemühungen von Blomkvist, Licht ins Dunkel des Salander'schen Verbleibes zu bringen. Einen wirklichen Schwerpunkt hat die Geschichte nicht. Mal wird dieses erzählt, mal jenes, wild wechseln die Perspektiven. Alles in allem schafft Stieg Larsson es so auf mehr als 760 Roman-Seiten bis zum Finale Furioso.
Sichtlich kann der Autor sich nicht entscheiden, was er eigentlich erzählen will. Zwischenzeitlich findet Lisbeth Salander auch noch ihren Vorgänger-Betreuungsanwalt wieder, den sie für verstorben gehalten hatte, der aber in einem Pflegeheim nun auf dem Weg der Besserung ist. Dieser Strang wird ohne Wiederkehr verlassen. Die Beziehungsgeschichte zwischen Blomkvist und Salander wird immer wieder angerissen. Dann ist da noch der Kriminalfall. Und irgendwie will Larsson alles erklären, alles aufklären.
Das hätte er besser sein lassen. Dem gesteckten Ziel kommt er zwar am Ende des Romans nahe, hat den Leser da aber bereits mit einer Fakten-Fülle und der Menge immer neuer Wendungen völlig erschlagen und verwirrt. Höhepunkt ist eine absurde "Wiederauferstehung" der schon bezwungenen Heldin. Weniger wäre hier ganz eindeutig mehr gewesen.
Es gibt noch einen dritten Teil der Reihe: Vergebung. Gespannt bin ich immer noch. Denn möglicherweise erwartet mich mit dem Buch ja wieder ungewöhnliches, geheimnisvolles, einfach anderes Krimi-Geschehen. Derzeit gibt es den Band nur als Hardcover. Das Warten auf das Taschenbuch fällt mir nach dem zweiten Band nicht allzu schwer.




