Gefesselt von extremem, stimmigem Ermittler

Dass mich ein Thriller dermaßen gefesselt hat, ist schon länger nicht mehr vorgekommen. Bei der Stieg-Larsson-Trilogie war es der Fall. Nun habe ich meinen persönlichen Nachfolger dafür gefunden - und warte nach Lektüre des ersten Bandes auf die Veröffentlichung des zweiten.

Der Grund für meine Begeisterung hat den Titel "Erbarmen" und wurde geschrieben von Jussi Adler Olsen, einem Dänen. Es ist eine bewegende, spannende Geschichte, die einerseits total, dann aber haarscharf wieder nicht in das Genre Thriller passt. Das Buch wird gerade sogar auf der Startseite der Krimi-Couch vorgestellt.

Im Mittelpunkt steht ein grausames Verbrechen: Im Jahr 2002 verschwindet die aufstrebende, junge Politikerin Merete Lynggaard von einer Fähre. Schnell erfährt der Leser, dass sie entführt wurde und nun in einer Druckkammer gefangengehalten wird. Jedes Jahr zu ihrem Geburtstag wird der Luftdruck in der Kammer um ein Bar gesteigert. Ein Jahr muss sie bei vollem Licht leben, ein anderes in Dunkelheit.

Niemand findet die Entführte. Bevor der Fall zu den Akten gelegt wird, trifft es sich, dass eine rechtspopulistische Partei in Dänemark die Einsetzung eines Dezernates Q durchsetzt, das sich um unaufgeklärte Fälle kümmern soll. Da im Polizeiapparat dieses Dezernat nicht gewünscht ist, wird der unbeliebte Kollege Carl Mørck zu dessen Leiter berufen.

Dieser Polizist hat es in sich. Er hat gerade einen Einsatz überlebt, bei dem ein Kollege starb und ein anderer als Schwerbehinderter überlebte. Er selbst ist schwer traumatisiert. Ein leichter Hang zur Faulheit und zum Übellaunigen, nicht übermäßig große Teamfähigkeit - das ist Carl Mørck. Als Assistent mit Überraschungspotenzial - ursprünglich allerdings als Putzmann - wird ihm der syrische Einwanderer Assad zugeordnet.

Dieses Team, das durchaus Comedy-Format hat, macht sich nun daran, den unaufgeklärten Lynggaard-Fall aufzurollen. In zwei Zeitebenen erzählt Autor Adler Olsen die Geschichte. Immer wieder blendet er zu der Gefangenen in die Druckkammer und lässt ihre Zeit langsam in Richtung der Ermittler-Zeit - die Story spielt im Jahr 2007 - fortschreiten. Auf der Ermittlungsebene von Carl Mørck stellt dieser schnell fest, dass es viele Versäumnisse gegeben hat, als die Polizei erstmals nach der Verschwundenen suchte.

Trotz dieser Ahnung dauert es lang, bis er mit voller Kraft voranschreitet. Denn wie alle anderen geht er davon aus, dass die Gesuchte nicht mehr lebt. Auch der Leser erfährt lange nicht, wie lang Merete durchgehalten hat, und wird vom Autoren noch gekonnt hinters Licht geführt.

Die Auflösung des Falls geschieht im Buch schließlich gründlich. Annähernd 100 der über 400 Seiten werden darauf verwendet, die Situation des dann bekannten Täters aufzuschlüsseln. Dies wird nicht langweilig. Stattdessen gelingt es Jussi Adler Olsen dadurch, die Dramatik von Meretes Situation noch zu steigern.

Als ich dann wirklich ans Ende der Geschichte gelangt bin, musste ich schwer schlucken.

Ich warte nun darauf, dass der in Dänemark bereits erschienene zweite Band der Reihe ins Deutsche übersetzt wird und in den Buchhandel kommt. Carl Mørck hat das Zeug zu einem neuen Star am literarischen Ermittler-Himmel. Er ist unkonventionell, hat Tiefgang und ist in sich eine extreme, gleichsam stimmige Persönlichkeit.

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