Hobby-journalistische Konservatismus-U-Boote greifen Piraten an
Die Piraten in NRW und den anderen Bundesländern treten für die Freiheit ein und wollen keine Zensur und über mehr Bildung bessere Chancen für junge Menschen in der Gesellschaft. Toll! Neue Parteien ziehen unterschiedliche Zielgruppen an. Ein Beispiel dazu folgt jetzt:
"Unter Journalismus versteht man zum einen die Gesamtheit der Tätigkeiten von Journalisten, also die Sammlung, Prüfung, Auswahl, Verarbeitung und Verbreitung von Nachrichten, Kommentaren sowie Unterhaltungsstoffen durch Massenmedien." (Bucher 1998; zit. n. http://tinyurl.com/29u9ew4)
Hans-Jürgen Bucher hat eine der gängigsten Definitionen dessen geliefert, was Journalismus ist. Es gibt natürlich auch noch jene gesinnungsjournalistische Defintion von Emil Dovifat, die da lautet:
"[J]ede öffentlich bedingte und öffentlich geübte geistige Einwirkung auf die Öffentlichkeit, um diese ganz oder in Teilen durch freie Überzeugung oder kollektiven Zwang mit Gesinnungskräften über Wissen und Wollen im Tun und Handeln zu bestimmen" (Dovifat 1968: 5, zit. n. http://tinyurl.com/24n8fmq) Der gute Dovifat, nazimäßig auch nicht ganz unbelastet geblieben, gilt mittlerweile zurecht als veraltet.
Hinweise dazu, was Journalismus ist oder von Journalisten getan wird, bekommen wir v.a. auch von Manfred Rühl, der Journalismus als gesellschaftliches Funktionssystem beschreibt. Merkmale journalistischen Arbeitens sind demnach:
- Nachrichten zu sammeln,
- Nachrichten zu redigieren,
- Nachrichten zu schreiben,
- Medienangebote innerhalb einer rationalisierten und differenzierten Organisation zu erstellen.
Warum schreibe ich solcherart Belehrendes? Der Kungler, Pirat aus Nordrhein-Westfalen und häufig in Baden-Württemberg kungelnd, twitterte gestern, er habe den Bericht Ein Lehrer für die Piraten über Piraten-Kandidaten für die Landtagswahlen in Deutsch-Südwest verfasst und bei der Backnanger Kreiszeitung untergebracht. Besonders stolperte ich dabei über den Abschnitt zu Lars Haise, einen 21-jährigen Auszubildenden zum kaufmännischen Angestellten, der im Wahlkreis Waiblingen als Direktkandidat antritt.
Selbiger bezeichnet sich in dem Text als "Hobby-Journalist". Das forderte mich heraus. Ich selbst arbeite derzeit nicht journalistisch, sonder im Bereich PR, war aber elf Jahre meines Lebens Journalist - Redaktionsvolontariat inklusive. Wie Menschen wissen, die diese Homepage oder meine Twitter-Timeline verfolgen, habe ich mich kurzzeitig bei der AG Presse der NRW-Piraten engagiert. Entnervt habe ich dies aber schnell wieder sein lassen, als ich merkte, dass es den Piraten nicht um fachlich ansprechende Arbeit geht.
Unter anderem liegt das daran, dass bei den Piraten viele Menschen der Meinung sind, Journalismus und PR zu können, weil sie ja auf Computertastaturen bedienen können. Und noch mehr Menschen sind bei den basisdemokratisch organisierten Piraten der Meinung, von irgend etwas irgend etwas zu verstehen, und versuchen dies dann je lautstärker durchzusetzen, je geringer ihre Sachkunde ist.
Kein einziger Journalist ist bislang nach meiner Kenntnis bei den Bundes- oder NRW-Piraten in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv. Entsprechend mies ist die Qualität der Medienprodukte dieser Partei auch. In NRW sind immerhin einige Verbreiter von Wirtschafts-PR dabei, die mal in der FDP waren.
Nun also wieder zu Lars Haise im Südwesten, den "Hobby-Journalisten". Laut Zeitungsartikel ist er dies, weil er bloggt und twittert. Und bei Webradios habe er auch schon moderiert. Klasse, Lars! Das Lob meine ich sogar recht unironisch. Es ist wichtig und wertvoll, sich an der öffentlichen Meinungsbildung zu beteiligen. Aber entspricht dies einem der oben genannten Kriterien?
Der Deutsche Journalistverband (DJV) hat weitere Kriterien aufgestellt, die Journalistinnen und Journalisten erfüllen sollten. Dazu sollte angemerkt werden, dass der DJV eine Lobby-Organisation für (v.a. angestellte) Journalistinnen und Journalisten ist. Seine Definition ist somit eher so gefasst, dass sie ganz viele Freischaffende und nicht-organisierte Journalisten ausschließen wird. Trotzdem vermittelt sie eine Ahnung, warum Journalismus eine eigene Profession ist (das Folgende zit. n. http://tinyurl.com/32w4v2q):
"[E]in Journalist [sollte] laut DJV über folgende Fachqualifikationen verfügen:
- Beherrschung der medienspezifischen Darstellungs- und Vermittlungstechniken
- Fähigkeiten zur Gestaltung der publizistischen Produkte
- Beherrschung der unterschiedlichen Methoden der Recherche und der Nachrichtenprüfung
- Kenntnisse der medienrechtlichen Grundlagen
- Kenntnisse der Wettbewerbsformen und der Medienstruktur"
Wie wir sehen, entsprechen weder Ausbildung, Tätigkeit noch berufliches Wirken von Lars Haise den Kriterien - am ehesten passte er in Dovifats Gesinnungsjournalismus. Gleichwohl ist sein Blog-Wirken gut: Denn deutlich beteiligt er sich an der politischen Diskussion und der öffentlichen Meinungsbildung. Nur ist es völlig unnötig, diesem über das Führen übertriebener Titel einen offiziösen Anstrich geben zu wollen.
Demokratie lebt von Meinungen und vom Austausch derselben. Das war auf der griechischen Agora so und auch in den "guten alten Zeiten", als sich die öffentliche Meinung sonntagsmorgens beim Frühschoppen nach der Kirche bildete. Mittlerweile sind der Foren mehr geworden, die zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen. Und der Journalismus hat an Bedeutung verloren, wie auch das Wirken Lars Haises zeigt.
Lars Haises Kandidaten-Nominierung zeigt des weiteren noch etwas ganz Anderes: Der Gute ist ein strammer Konservativer. Damit reiht er sich in eine große Gruppe von Piraten ein, die neoliberal und ansonsten konservativ sind. Nach Eigenauskunft auf seiner Homepage war er mehrere Jahre in der Jungen Union. Nun ist er halt bei den Piraten gelandet und ist aktiv vor allem in einem Arbeitskreis, der sich sehr kritisch mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag auseinandersetzt, dessen Reform und Weiterentwicklung vor kurzem durch die deutschen Ministerpräsidenten verabschiedet worden ist.
Das Werk zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es von wenig Sachkompetenz geprägt ist, wie Kinder und Jugendliche im Internet wirksam geschützt werden können. Darüber hinaus öffnet es der Zensur Tür und Tor. Diese berechtigte Kritik wird auch von den Piraten angebracht.
Auch Lars Haise ist gegen den Staatsvertrag und will ihn sogar komplett abschaffen. Warum? Wegen der Zensur? Wegen besserer Ideen zur Selbstregulierung des Netzes? Nein! In liebenswerter Naivität sagt er:
"Es ist nicht Aufgabe des Staates darauf zu achten, welche Medien von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden, sondern die der Eltern im Rahmen ihrer Aufsichtspflicht." (Lars Haise: Die Diskussion um Jugend(medien)schutz aus einem ganz anderen Blickwinkel, Blog-Beitrag vom 20.2.2010)
Da hat er wohl recht. Eltern sind ja auch dafür zuständig, ihren Kindern alle Bildungschancen zu eröffnen, sie richtig zu ernähren, ihnen ordentliches Sozialverhalten beizubringen, etc. Und weil das so gut klappt, können wir alle jugend- und sozialpolitischen Maßnahmen doch eigentlich gleich sein lassen. Die Junge Union wäre begeistert. Und die Piraten wählen Menschen mit diesen Meinungen als Landtagskandidaten.




